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Paper Prototyping

Tolle Methode – aber zur rich­ti­gen Zeit!

Ein klei­ner Erlebnisbericht mit Aha-Effekten vom Usability Day Saxony 2015 des Kompetenznetzwerks Usability Saxony und des Medienzentrums der TU Dresden.
Nur kurz: Was ist Paper Prototyping über­haupt?
Paper Prototyping heißt: Basteln mit Papier, Schere, Leim, Stiften, etc.
Mit die­ser Methode bekommt man rela­tiv schnell die Ideen und Bilder in den Köpfen der Teilnehmer zu Papier. Schließlich haben wir alle ein ande­res Bild im Kopf wenn wir zum Beispiel an ein Haus den­ken oder eine üppige Frau.
Probierts doch mal aus!

Nehmt Euch Zettel und Stifte und lasst die Zweifler an der Methode mal jeder für sich eine üppige Frau malen. Nach einer Minute und dem Nebeneinanderlegen der Zettel wer­det ihr ganz schnell fest­stel­len, dass es gut ist mal drü­ber zu reden bzw. zu malen. Nicht anders ver­hal­ten sich die Bilder im Kopf bei Anforderungen des Productowners ans Team. Hier hel­fen sol­che schnel­len Visualisierungsmethoden um ein gemein­sa­mes Verständnis der Anforderung zu schaf­fen und zum Beispiel im SCRUM-Poker genauer schät­zen zu kön­nen. Und NEIN, man muss nicht zeich­nen können.

Wie lief der Workshop ab?

In mei­nem Paperprototyping-Workshop wollte ich mei­nen Teilnehmern auf­zei­gen, wie leicht und schnell dis­ku­tier­bare Prototypen ent­ste­hen kön­nen und dass man dafür über­haupt nicht viel benö­tigt. Schon gar kein Programm, Lizenzen oder eine Schulung.
Als Thema wählte ich ein Objekt, womit jeder (zu Hause oder im Büro, beim Besuch von Freunden oder so) sicher schon mal in Berührung gekom­men ist und ganz sicher auch dran ver­zwei­felt ist. Die Mikrowelle.
Die Aufgabe bestand also darin, ein Mikrowellen-User-Interface zu erschaf­fen, wel­ches intui­tiv nutz­bar ist. Mit intui­tiv meine ich, dass der poten­ti­elle Nutzer die Mikrowelle sofort bedie­nen kann, sich nicht stän­dig fra­gen muss, wie wo was geht und vor allem zuvor kein Handbuch lesen muss.
Paper Prototyping - fertige Mikrowellen UIs
Wall of Mikrowellen UIs
Zur effek­ti­ven Ideenfindung hatte ich in mei­nem Workshopraum die Wände mit den unter­schied­lichs­ten Mikrowellendisplays beklebt, die Regeln fürs Paper Prototyping ange­pinnt und vor­her kurz erklärt – und vor allem: die Stühle aus dem Raum ver­bannt um das ganze etwas inter­ak­ti­ver zu gestalten.
Die Teilnehmer beka­men Pappkisten für ein bes­se­res Mikrowellen-3D-Feeling und jede Menge Bastelmaterial. Nicht dabei: Lineal und Radiergummi. Genauigkeit frisst Zeit und macht das Wegwerfen schwe­rer. Und genau darum geht es ja beim Prototyping – ob mit Papier oder Programm – schnel­les ite­rie­ren, gestal­ten, bewerten.
Um die Teilnehmer etwas auf­zu­wär­men, ließ ich sie vor­her drü­ber nach­den­ken und anpin­nen, wofür sie denn eine Mikrowelle am meis­ten nut­zen, was sie schon immer daran genervt hat und was sie eigent­lich gern tun möch­ten. Dies war dann so eine Art Adhoc-Anforderungsanalyse plus Mini-Customer Journey aus dem eige­nen Nutzungskontext her­aus. Tatsächlich akku­mu­lier­ten sich einige wenige Schmerzpunkte (Pain-Points) die es dann zu inno­vie­ren galt.
Paper Prototyping - Papier, Schere, Leim, Stifte und 3D-Modelle einer Papp-Mikrowelle
Papier, Schere, Leim, Stifte und 3D-Modelle einer Papp-Mikrowelle

Los geht‘s.

Schnell fan­den sich kleine Grüppchen vor den Pappkisten zusam­men und es wurde los­dis­ku­tiert. Ich unter­stützte hier und da indem ich das ein oder andere Dialogprinzip ein­streute. Schließlich muss man als UX Designer ja auch etwas Kompetenz wal­ten las­sen ;o)
Ist es auf­ga­ben­an­ge­mes­sen, selbst­be­schrei­bungs­fä­hig, erwar­tungs­kon­form, steuer- oder viel­leicht sogar indi­vi­dua­li­sier­bar? Kann ein Kind schon damit umge­hen? Muss man dafür lesen kön­nen? Muss ich mit Watt-Zahlen umge­hen kön­nen? Und wie komme ich als seh­be­hin­der­ter Mensch damit zurecht?
Und da zeigte sich schon für mich, dass ein Prototyping nur an einer bestimm­ten Stelle im User Centered Design Prozess in Frage kommt. Und zwar NACH dem Verstehen und Festlegen des Nutzungskontextes UND der Nutzungsanforderungen.

L³ – Livia’s Lessons Learned:

Für wen machen wir das Ganze eigent­lich? Zielführend ist ein Paper Prototyping, wenn vor­her klar ist, wer die Zielgruppe ist.  Und genau das ist bei den meis­ten Projekten nicht der Fall! Oftmals wird her­vor­ra­gend am Nutzer vor­bei­ent­wi­ckelt.

Ich hätte hier im Vorfeld ein ganz kla­res Bild des pro­to­ty­pi­schen poten­ti­el­len Nutzers vor­ge­ben müs­sen. Die Teilnehmer ver­set­zen sich dann in diese Person und deren bereits klare Anforderungen ans zukünf­tige „System“ – bei uns halt die Mikrowelle.

Also zuerst Persona(s) ent­wi­ckeln und deren Nutzungskontext verstehen!

Ja, man kann es nicht allen recht­ma­chen. Definitiv. Deshalb muss man beob­ach­ten, hin­ter­fra­gen und schauen, wie er denn sein könnte, der pro­to­ty­pi­sche Vertreter der Zielgruppe. In wel­chem Ist-Zustand befin­det er sich? Was macht er mit der Mikrowelle genau jetzt und was nervt ihn dabei? Und nen­nen wir ihn Mirko Welle.

Was sind Mirkos Nutzungsanforderungen?

Was könn­ten Mirkos Erfordernisse sein? Was möchte er eigent­lich tun? Sollte die Mikrowelle viel­leicht gleich ganz für ihn das Kochen über­neh­men? Wie könn­ten Zukunftsszenarien aus­se­hen, die Mirko das Leben leich­ter machen? Welche Funktionalitäten unter­stüt­zen Mirko effek­tiv und effi­zi­ent bei der Erledigung sei­ner jet­zi­gen Aufgaben? Schreibt alles auf, fin­det neue Ideen und hin­ter­fragt, ob Mirko tat­säch­lich DAS tun möchte was er jetzt macht oder ob er doch lie­ber per Smartphone sein Essen auf­wär­men will.

Erst jetzt geht’s ans Basteln!

Paper Prototyping - Papp-Mikrowelle
Papp-Prototyp einer Mikrowelle

Durch klare Nutzungsanforderungen kann man gezielt nach Ideen suchen und diese bas­telnd zum Leben erwe­cken. Auch die Evaluierung der ent­stan­de­nen Prototypen ist ziel­füh­ren­der durch die Brille des Nutzers und nicht unbe­dingt durch die eige­nen Augen.

Natürlich ist es noch siche­rer Mirkos Bedürfnisse zu tref­fen, wenn man mit Mirkos brain­stormt, pro­to­typt und eva­lu­iert – also sich Leute ins Team holt, die so ticken wir unsere Persona.

Fazit:

Paper Prototyping ist eine herr­li­che Methode, die tat­säch­lich auch im beruf­li­chen Umfeld und beim Kunden rich­tig gut funk­tio­niert, Spaß macht und leicht durch­zu­füh­ren ist. Im Vorfeld muss eini­ges geklärt sein, damit man nicht ziel­los bas­telt oder ewig zur Abstimmung inner­halb der Gruppe braucht. Das Unfertige läd zur Diskussion ein! An Rosa-Glitzer-Screens möchte man eher nicht mehr rum­kri­ti­sie­ren. Und die Menschen mit­ge­stal­ten zu las­sen ist für die spä­tere Akzeptanz des Produkts oder Systems ein­fach unbezahlbar!

#WirSindAlleNutzer

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