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New Work ist tot!? Was bleibt ist viel wertvoller als nur der Name.

Der Begriff "New Work" hat seinen Ursprung bei Frithjof Bergmann, dem Autor des Buches "Neue Arbeit, neue Kultur". Was ist daraus geworden? Wie gestalten wir die Zukunft unserer Arbeit?

Schon lange hatte ich mir vorgenommen, meine Gedanken zum Thema „New Work“ aufzuschreiben. Die Umbenennung der XING AG in New Work SE gab mir letztlich den Anstoß dazu. Die Reaktionen reichtem vom „wow, was für ein Statement“ bis „echt jetzt?“. Kann ein Unternehmen einen solchen Namen überhaupt ernsthaft für sich beanspruchen? OK, natürlich kann man das machen. Schließlich leben wir in einer freien Gesellschaft. Aber ist die Umfirmierung vielleicht doch nur ein Signal für den Höhepunkt eines Hypes? Ist „New Work“ vielleicht längst schon tot?

Ein Blick in die Google Trends (16.2.19) zeigt ein langsames, aber kontinuierlich wachsendes Interesse in Deutschland, vor allem in den IT-Hochburgen:

Der Ursprung des Begriffs „Neue Arbeit“

Ein kleines gesundheitliches Handicap gab mir die Chance, das Buch „Neue Arbeit, neue Kultur“ von Frithjof Bergmann (→ Buch auf Amazon) aus dem Jahr 2004 in Gänze zu lesen, um den Ursprung dieses Begriffs zu verstehen. Angeregt dazu wurde ich durch einen langen Podcast #100 aus der Reihe „On the way to new work“ mit dem Autor, in dem er vor allem viel über sein Leben und seine Kindheit gesprochen hat. Eine ganz wichtige Etappe in Bergmanns Leben waren die Monate, die er als Selbstversorger in den Wäldern von „New Hampshire“ verbracht hat. Für die Versorgung mit Brennholz im harten Winter hat Bergmann dabei nur auf eine einfache Bogensäge gesetzt und bewusst puristisch auf eine Kettensäge verzichtet. Dieses Leben wurde ihm zur Qual. Er brach den Versuch des einfachen Lebens in den Wäldern nach einigen Monaten ab. Er schreibt dazu in seinem Buch: „Der ursprüngliche Impuls der Neuen Arbeit war, Technologien zusammenzubringen oder zu erzeugen, die es Menschen erlauben, ein freies und selbstständiges Leben zu führen, doch ohne die schweißtreibende und harte Arbeit, deren Symbol für mich die Bogensäge geworden war.“

Bergmann versteht unter New Work viel mehr als das, was heute von einer übergroßen Anzahl meist gut bezahlter New Work Enthusiasten unter diesem Namen diskutiert wird, von A wie Agilität, B wie Bürokonzepte, über F wie Flexibilität, H wie Homeoffice, S wie Selbstorganisation bis Y wie Yoga am Arbeitsplatz. Es geht ihm um nichts weniger als ein vollkommen neues Grundprinzip des Wirtschaftens, das den Kapitalismus überwinden hilft. Im seinem Buch ist immer wieder eine große Enttäuschung zu spüren, dass weder der Sozialismus noch Sozialdemokratie und Liberalismus eine neue, gerechtere Wirtschaftsform hervorgebracht haben. Betrachtet man diesen Unterschied, dann wird man geneigt von einem Missbrauch des Begriffes „new work“ durch die aktuelle öffentliche Diskussion zu sprechen, wenngleich natürlich mit guten Absichten.

Doch zurück zum Buch von Fritjof Bergmann. In einer Art von Wirtschaftsromantik sieht dieser in einem „Netzwerk kleiner, lokaler Produktionswerkstätten“ mit „High-Tech-Eigen-Produktion“ die Zukunft der Wirtschaft, die Großbetriebe mit hierarchischen Strukturen und ganz grundsätzlich die Lohnarbeit vollständig ablöst. Anstelle einer bezahlten, angestellten  und damit unfreien Tätigkeit nachzugehen soll die High-Tech-Eigen-Produktion jedermann nicht nur auskömmliche Teilhabe sichern, sondern auch Berufung sein. Die im Buch geschilderten Ansätze von regionaler, vernetzter Eigenproduktion, bspw. in Entwicklungsländern, aber auch in hochentwickelten Staaten erscheinen aus unterschiedlichen Perspektiven absolut lohnenswert. Die aufgeführten Beispiele von Zentren Neuer Arbeit lesen sich spannend, z.B. in der Autostadt Flint (vergleichbar mit dem deutschen Wolfsburg) oder mit indianischen Einwohnern in Kanada, das Dachgärten-Projekt in Vancouver, bei dem Jugendliche selbst Gemüse anbauen, oder das Projekt in New York, bei dem Obdachlose ihre eigenen Unterkünfte bauten, oder das Auto-Projekt, das ein preiswertes und zugleich schickes Auto für die Dritte Welt erschafft, welches dezentral in lokalen Werkstätten oder sogar selbst zusammengebaut werden sollte. Diese Projekte sind beispielgebend in vielerlei Hinsicht, sie bleiben aber die Antwort auf die Frage schuldig, wie eine Wirtschaft als Ganzes auf diese Weise funktionieren kann.

Wenn man auf das Veröffentlichungsjahr 2004 zurückschaut, so bleibt anerkennend festzustellen, dass ein Teil der Vision der High-Tech-Eigen-Produktion, dem „Personal Fabricator“ heute mit 3D-Druckern und anderen Automaten oder auch in der Maker Szene Realität wird. Eine durch preiswert gewordene Hochtechnologie ermöglichte regionale Produktion kann in Zukunft durchaus eine interessante, vor allem ökologischere und sozialere Option im Wettbewerb zur zentralisierten Massenproduktion darstellen. Sie wird jedoch kaum ein vollkommen neues Wirtschaftssystem erschaffen, das ohne Lohnarbeit auskommt.

Mit der „Neuen Arbeit“ wollten Bergmann und seine Mitstreiter (im Gegensatz zum Sozialismus) eine wirklich Alternative schaffen, „… um das gegenwärtige System zu überwinden und im Staub der Vergangenheit zurückzulassen. In der Praxis bleibt sich jedoch eher die Utopie eines Romantikers als eine in der ökonomischen und gesellschaftlichen Realität umsetzbares Konzept einer neuen Wirtschaft. Im Gegensatz zu den Folgenden des Wirkens von Marx, Engels, Lenin und vor allem ihren nachfolgenden kommunistischen Herrschern muss eine solche Utopie nicht zu Blutvergießen und Rückschlägen für ganze Regionen wie bspw. in Ostdeutschland und ins Osteuropa führen. Sie können vielmehr eine Quelle sein für kraftvolle Ideen. Solche Ideen setzen sich meist nicht auf dem Höhepunkt eines Hype-Zyklus um, sondern dann, wenn sich die Wogen glätten, die klingenden Namen verschwinden und man sich endlich ohne Aufregung deren Umsetzung zuwenden kann.

Was bleibt von „New Work“?

Soviel zum Ursprung des Begriffes der Neuen Arbeit, der vermutlich vielen New Work Enthusiasten nicht wirklich bewusst ist. Ist New Work wirklich tot? Diese Frage ist vielleicht doch ein wenig zu provokant gestellt. Was können wir uns mitnehmen vom Geist der Neuen Arbeit für die Zukunft unserer Arbeit?

  • Alle Menschen sollten einer Arbeit nachgehen können „die sie wirklich, wirklich tun wollen“. (dieses Zitat ist der vielfach wiederholte Leitspruch von Fritjof Bergmann)
  • Diese Arbeit sollte etwas zu einem großen Ganzen beitragen und einem höheren Sinn folgen, etwas zu schaffen, vor dem andere „vor Neid stöhnen“. (auch diese Worte finden sich oft in seinem Buch)
  • Arbeit sollte selbstbestimmt und selbstorganisiert in eher horizontalen als in hierarchischen Strukturen erfolgen. „Die Informationstechnologie macht diese Hierarchien überflüssig und ersetzt sie durch effizientere und schnellere horizontale Strukturen.“ (Zitat Fritjof Bergmann)

Fritjof Bergmann schreibt: „Es wird keine Alternative zu unserer gegenwärtigen Kultur geben, solange wir keine alternative Wirtschaftsform schaffen, auf deren Basis sich die neue Kultur entwickeln kann.“ Dieser Aussage schließe ich mich nicht an. Vielmehr vertrete ich die Auffassung, dass die genannten Eckpunkte einer neuen Kultur der Arbeit, die auch in der bestehenden Wirtschaftsform der Sozialen Marktwirtschaft umgesetzt werden kann.

Wie gestalten wir die Zukunft unserer Arbeit?

Es ist an der Zeit sich vom Hype des New Work zu lösen und vielmehr daran zu gehen, die Zukunft unserer Arbeit zu gestalten. Dazu gilt es, tradierte Orgaisationsmuster kritisch zu hinterfragen – ganz im Sinne des ursprünglichen Gedankens von New Work. Schlanke und eher horizontale Organisationsmodelle, agile Arbeitsweisen und moderne Kommunikationstechnologien für das Internet helfen uns dabei, diese neue Kultur der Arbeit und Selbstorganisation in unserer hochgradig arbeitsteiligen und vernetzten Arbeitswelt zu etablieren. Bei Communardo beschäftigen wir uns mit intelligenten Lösungen für modernes Arbeiten. In nachfolgenden Beiträgen habe ich mir vorgenommen, vor allem über moderne Arbeitsweisen und Organisationsprinzipien sowie die Rolle von Technologie für Kommunikation und Zusammenarbeit und deren Anwendung zu schreiben.

PS: Nach dem dieser Text entstanden ist, bin ich dann auf den Artikel von Stephan Grabmeier im Manager Magazin gestoßen – er spricht mir aus dem Herzen: Die New-Work-Lüge.

In der Menschheitsgeschichte gab es schon immer Ideen und Modelle, die vom Grundsatz her gut und auch berechtigt waren, und sind. Nicht jede Idee schafft es zur Vollendung. Aus verschiedenen Gründen. Und nicht unbedingt deshalb, weil die Idee doch nicht gut war. Manchmal ist die Zeit noch nicht reif. Oder sie fordert sehr viel von Mensch und Gesellschaft. Gerade wir bei Communardo kennen uns mit Tranformationsprozessen und deren Herausforderungen aus.
Im New Work Kontext bin ich froh, dass dieses Modell wieder hoch kommt und dazu verhilft, unsere Arbeitswelten neu zu betrachten und zu bewerten. Zu reflektieren. Dadurch tut sich viel, und viel Gutes. Manchmal reicht gerade aber auch eben nur das. Und nur das kann manchmal schon revolutionär sein. Es liegt an uns allen, Werte mitzugestalten, und Wahrheiten ins Auge zu blicken.
Ich bin froh, bei Communardo neue Arbeitswelten zu gestalten helfen zu können.

Avatar Christian Hoffmann

Danke für die interessanten Ausführungen! Ich finde es prinzipiell gut, dass in immer mehr Führungsetagen darüber nachgedacht wird, wie man „Arbeit“ neu denken und mitunter auch wie man sie entsprechend neu gestalten kann. Ich würde konstatieren, dass es auch Fortschritte gibt, was die Organisation der Arbeit angbelangt. Homeoffice-Angebote z.B. setzen sich immer mehr durch. Leider wird hier nicht auf das Thema „Arbeitszeit“ eingegangen, was m.E. in diesem Zusammenhang auch diskutiert werden müsste. Außerdem finde ich diesen Satz bemerkenswert: „Diese Arbeit sollte etwas zu einem großen Ganzen beitragen und einem höheren Sinn folgen, etwas zu schaffen, vor dem andere ‚vor Neid stöhnen'“. Ob man nun gleich vor Neid stöhnen muss, sei dahingestellt. Dass es aber in unserer Arbeitswelt eine nicht unbedeutende Anzahl fragwürdiger Jobs gibt, muss man glaube ich nicht ausführen (Stichwort „Bullshit“-Jobs). Und spätestens hier wird man, wenn einem daran liegt, daran etwas zu ändern, nicht an der Kritik an unserer aktuellen Wirtschaftsordnung herum kommen.

Avatar Dirk Röhrborn

Vielen Dank für Deinen Kommentar, Christian. Arbeitszeitgestaltung ist in der Tat auch ein sehr spannendes Feld beim „new work“. Hier verlagert sich viel Verantwortung auf den Mitarbeiter selbst – Kontrolle durch das Unternehmen ist natürlich weniger gewünscht. Aber wie schützt man als Unternehmen seine Mitarbeiter davor, sich selbst zu überlasten? Interessante Fragen. Was meinst Du konkret mit „Bullshit-Jobs“? Sind es eher die prekären Arbeitsverhältnisse oder diejenigen, die gut bezahlt keinen wirklichen Mehrwert, sondern nur „Bullshit“ liefern?

Avatar Christian Hoffmann

Zunächst einmal finde ich, dass Prekäre Beschäftigung durchaus ein großes Dilemma unserer Zeit ist. Aber gerade einfache (oft unangenehme) Arbeit, die so schlecht bezahlt wird, weil das Angebot an Arbeitskräften entsprechend groß ist, schafft eben doch meist einen Mehrwert und ist deshalb, unabhängig von ihrer moralischen Bewertung, zumindest in diesem Sinne nützlich.
Im Gegensatz zu „Bullshit-Jobs“. Der Begriff ist nicht von mir, sondern einem gewissen David Graeber eingefallen, der darüber ein Buch geschrieben hat und ihn so definiert: „Ein Bullshit-Job ist eine Beschäftigungsform, die so völlig sinnlos, unnötig oder schädlich ist, dass selbst der Arbeitnehmer ihre Existenz nicht rechtfertigen kann. Es geht also gerade nicht um Jobs, die niemand machen will, sondern um solche, die eigentlich niemand braucht.“
Ich habe das selbst oft erlebt. Es betrifft insbesondere gut bezahlte Jobs, deren Output jedoch nicht nur subjektiv sondern auch objektiv ziemlich überflüssig ist und dies muss man offensichtlich aus zweierlei Gründen als tragisch bewerten: 1. Fehlende Wirtschaftlichkeit und 2. Demoralisierung der Arbeitnehmer. Die Gründe für dieses Phänomen sind sicher vielfältig und deren Erörterung würde den Rahmen dieses Forums sprengen (obwohl garantiert hoch spannend ;)) aber es hat sicher auch mit den Herausforderungen insbesondere großer Firmen durch die unaufhaltsam fortschreitende Digitalisierung zu tun. Markt und Politik wirken hier außerdem überfordert: Für die Politik heißt die Devise, im Angesicht der hohen Abhängigkeit des Staatshaushaltes von den Einnahmen aus den Abgaben auf Arbeit, Vollbeschäftigung und das bitte unter Beibehaltung der 40+ Stunden-Woche. Der Markt fördert vor allem Effizienz und wenn es günstiger ist, einen Menschen am Fließband stehen zu haben, als einen Roboter, wird diese Variante gewählt. Zumal dann immer auch die Angst vor dem Wegnehmen der Arbeit durch Maschinen eine Rolle spielt.
Ich kann bezüglichen der „Bullshit-Jobs“ auf keine verlässlichen Zahlen im Hinblick auf deren volkswirtschaftliche Gesamtrelevanz zurückgreifen. Aber warum kann es kein gesellschaftliches Ziel sein, schwere, unangenehme Arbeit und auch sinnlose Arbeit zu minimieren UND gleichzeitig die Produktivität und Lebensqualität der Menschen zu steigern?

Avatar Dirk Röhrborn

Ich kann Dir hier nur zustimmen, es sollte in der Tat gesellschaftliches Ziel sein „schwere, unangenehme Arbeit und auch sinnlose Arbeit zu minimieren UND gleichzeitig die Produktivität und Lebensqualität der Menschen zu steigern“. Ich glaube in der Tat auch, dass dies viele Mitspieler in Wirtschaft und Politik genau so sehen. Bei der Wahl der Mittel und der Bewertung des Erfolgs gehen die Meinungen dann natürlich sehr weit auseinander. Einer der Grundgedanken von „New Work“ ist aber auf jeden Fall, diesem Ziel näher zu kommen.

Avatar Christian Hoffmann

Stimmt, wenn es um die Wahl der Mittel geht, wird es spannend 🙂 Aber so weit sind wir leider noch nicht. Wichtig wäre zunächst vor allem, dass das Thema noch mehr in den Focus rückt.
Hier noch die Ergebnisse einer etwas älteren und dennoch sehr interessanten Umfrage: https://yougov.de/news/2015/08/26/jeder-dritte-arbeitnehmer-halt-seinen-job-fur-sinn. 35% der deutschen Befragten fanden, dass ihr Job sinnlos sei. Nun kann man sagen, dass dies deren subjektiver Eindruck ist und sie ggf. den objektiven Wert ihrer Arbeit missdeuten. Aber unabhängig davon: Wenn man davon ausgeht, dass ihre Arbeitsmotivation zu einem großen Teil auf der Selbsteinschätzung des Wertes ihrer Arbeit basiert, sind das keine besonders aufbauenden Werte 😉

Eine interessante Erkenntnis. Allerdings wurde hier offenbar danach gefragt, ob der Job als „gesellschaftlich sinnvoll“ bewertet wird. Interessant wäre auch die Frage, ob ein Job als wertvoll für die Kunden oder auch das Unternehmen angesehen wird. Für eine Gesamtbetrachtung sinnvoll ist. Letztlich bleibt es natürlich eine wichtige Aufgabe, für jede und jeden im Unternehmen den Sinn der eigenen Arbeit zu erkennen, diesen ggf. zu ermitteln oder womöglich tatsächlich erst einmal die Tätigkeit so auszurichten, dass diese wirklich sinnvoll ist, ob dies nun für das Unternehmen, seine Kunden oder die Gesellschaft als Ganzes ist.

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