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Nachlese zum ECM-Summit 2008 in Offenbach

Ich hatte heute die Gelegenheit als Teilnehmer und Referent das von Kongress Media organisierte ECM-Summit 2008 zu besuchen. Dieser Beitrag fasst einige der Vorträge aus meiner Sicht zusammen, die ich besucht habe. Enthalten sind die Keynotes von Ulrich Kampffmeyer, Dieter Rappold und LeeBryant sowie Anwenderberichte von der Schweizerischen Post, MLP Finanzdienstleistungen und REVACOM GmbH.

Keynote von Ulrich Kampffmeyer zu Human Impact

Hr. Kampffmeyer spricht über „Human Impact“. Was meint er damit? Die Erfindung der Schrift hat zu Dokumenten geführt, schnell kam die Erfindung von Liste und Tabelle, die in heutiger Software vielseitig genutzt werden. Noch vor wenigen Jahren war die Technik der Leistungsfähigkeit des Menschen im Umgang mit Dokumenten noch weit unterlegen. Vor allem die Benutzbarkeit der Computersysteme ist im Vergleich zum Papier (nach wie vor) viel geringer. Zudem sorgt die IT heute dafür, dass wir mit einer Fülle von Nachrichten überflutet werden, die wir nicht mehr bewältigen können.

Diese Informationsfülle erzeugt einen Anschein von Wissen. So wie wir als Menschen den Begriff „Wissen“ verwenden, kann er nicht auf Systeme angewendet werden. Der zentrale Unterschied liegt nach Meinung des Autors im „Verstehen“. Während Maschinen Verbindungen, Assoziationen herstellen und ggf. Schlüsse ziehen können, haben Menschen eben auch die Möglichkeit, andere Menschen auch vor dem Hintergrund ihrer sozialen Herkunft oder ihres emotionalen Gemütszustand zu begreifen.

Aber, Maschinen greifen immer öfter in unseren Alltag ein. Man kommt zu der Frage: „Beherrscht der Mensch die Maschine oder die Maschine den Menschen?“ Es kommt zu einer neuen Art des Generationenkonfliktes zwischen den (älternen) „Digital Immigrants“ und den (jüngeren) „Digital Natives“, die mit der neuen Technologie aufgewachsen sind. Und es gibt die „Digital Addicts“, die ohne E-Mail und Internet nicht mehr leben können. Es entsteht eine neue Sucht-Gefahr mit der wir uns aus gesellschaftlicher Sicht auseinandersetzen müssen.

Ein weiterer Aspekt ist die wachsende Abhängigkeit unserer wirtschaftlichen Prozessen von I&K-Technologien, die immer mehr das Rückgrat unserer Wirtschaft bilden. Werden wir die Kontrolle behalten oder werden wir von Systemen oder wenigen Menschen, die diese Systeme steuern, beherrscht werden. Hr. Kampffmeyer beendet seinen den gegenwärtigen Status quo der Informationsverarbeitung beschreibenden Vortrag mit einem bewusst „pessimistischen“ Ausblick, dass es nicht gelingen wird die Technologie zu beherrschen und sinnvoll nutzbar zu machen.

Warum nur? Die nachfolgenden Keynotes und Fachvorträge verströmten diesen Pessimismus nicht.

Was ändert Web 2.0 Marketing an Internet Management ?

Diesem Thema widmet sich Dieter Rappold von Knallgrau Media aus Wien in seinem Vortrag, der verschiedene Aspekte etwas lose gesammelt beleuchtet

Unter dem Schlagwort „Informationsmanagement“ erwähnt der Vortragende den Social Bookmarking Dienst del.icio.us und Wikipedia mit dem Hinweis, das Tagging und Tagclouds gerade dort bewiesen haben, dass mit Hilfe große Informationsmengen verwaltet werden können. Der Gatekeeper, also Torwächter mit Zugang zu den Informationsbeständen sei heute die Suchmaschine. Ziel ist es dabei, die Streuverluste auf 0% zu reduzieren.

Wie entstehen News in Massenmedien neu? Während früher Journalisten Wochen benötigt haben, verbreiten sich neue Informationen heute innerhalb weniger Stunden oder Tage. Am Beispiel eines Twitterpostings über den angeblich geplanten Bau eines Datacenters von Google in Kronstorff in Österreich. Dieses Gerücht hat sich innerhalb von 2 Tagen über 2 Blogs in das deutsche Handelsblatt geschafft. Was ist der Unterschied zum klassischen Journalismus vor wenigen Jahren: Die Geschwindigkeit der Ausbreitung.

Nicht nur Geschwindigkeit spielt eine Rolle im neuen Netz, sondern vor allem auch die digitale Idendität, die Identität 2.0. Personen und Firmen haben heute viele digitale Identitäten, z.B. als Account in Twitter, XING, Facebook oder del.icio.us oder schlicht nur als Tag, mit dem beliebige Informationen in Zusammenhang mit Firmen und Personen gebracht werden. Die Menge dieser Identitäten wird immer schwerer kontrollierbar. Das Vertrauen an Identitäten im Netz ist verletzt.

Mehr noch, diese Identitäten müssen durch kontinuierliche Kommunikation miteinander verbunden und am Leben gehalten werden. Beziehungsmanagement im Netz gewinnt an Bedeutung. Webseiten wandeln sich heute zu Kommunikationsplattformen. Es geht um die Trilogie „consume-produce-share“. Es geht darum, sich nicht nur auf die Unternehmens-webseite zu konzentrieren, sondern „Seeding“ in vielen Bereichen bzw. Kanälen des Internets sichtbar und aktiv zu werden. Klassische Marken werden so zu „Medien-Marken“.

Alles in Allem eine eindrucksvolle Beschreibung von aktuelle im Internet zu beobachtenden Phänomenen, die leider Lösungsansätze oder Visionen schuldig bleibt.

Content is made of people: from ECM to E2.0

Der Vortragende Lee Bryant ist CEO von Headshift aus London. Sein Vortrag beschäftigt sich mit der Transition von Enterprise Content Management zum Enterprise 2.0. Er erklärt ECM mit seine Schlagworten Create, Store, Manage, Distribute für tot. [Nachtrag: Das bleibt in der Panel Diskussion nicht unumstritten, die ECM-Hersteller sehen natürlich E20-Tools als Ergänzung von ECM und sonstiger Softwareprodukte.] Der wichtigste Inhalt im Enterprise 2.0 ist: der Mensch.

Der nächste Trend im Bereich der Internet-Suche ist seiner Meinung nach „Social Search“. McAfee spricht von bedeutungsvollen Signalen („Signals of relevance“), die von Personen als Beiträge, Tags, o.ä. ausgesandt werden. Durch die Aufnahme und Verarbeitung dieser Signale entsteht eine emergente Informations-Infrastruktur, bei der kollaborativ entstehende Folksonomies eine weitaus größere Rolle spielt als aufwändig zentral erstellte Taxonomien. Ganz unter dem Schlagwort „Control is hard and expensive. Trust is cheaper and more effective“.

Bryants Herangehensweise an Enterprise 2.0 fasst er mit folgenden Punkten zusammen:

  • Public feeds & flows: internal and external RSS, feeds based on subjects, persons, group or search
  • Bookmarks & tags: people store, share, tag, vote or comment on useful links and news
  • Blogs & social bookmarks: social objects shared within networks and discussed in blogs
  • Group collaboration: intimate groups/teams organize knowledge in wikis and group systems
  • personal tools: organise your „stuff“ by tags; arrange in a portal; manage networks and feeds

Dabei geht es ihm vor allem auch darum, diese Dinge als Stimulanz für die pragmatische Umsetzung der alltäglichen – geschäftskritischen – Aufgaben einzusetzen.

Lee Bryant stellt kurz die wichtigsten Vertreter der Enterprise 2.0 Tools vor, die wir auch hier beschrieben haben. Dabei spielt auch Atlassian Confluence eine Rolle. Microsoft Sharepoint kommt bei ihm aber eher schlecht weg, was die Akzeptanz als Enterprise 2.0 Plattform angeht. Mit dabei ist natürlich auch die Kategorie „Messagging“, zu der ich auf das neueste Ergebnis unserer Entwicklung Communote hinweisen möchte.

Es geht um „Situated solutions“, die sich der jeweiligen Aufgabe richtig anpassen. Es gibt keine „one size fits all“ Lösung.

Die Rolle der „Information Professionals“ verändert sich. Aufgaben wie Mentoring und Coaching werden wichtiger im Vergleich zur reinen Recherche und Verarbeitung von Informationen.

Heutige Firmen sind geprägt von Management Methoden der 30er Jahre und von IT-Tools der 90er Jahre. Social Computing ist die wichtigste Veränderung seit der Einführung von E-Mail. In der Praxis kämpfen noch sehr viele Mitarbeiter mit dem richtigen Umgang mit E-Mail. Lee Bryant sagt, dass wir also Geduld haben müssen, was die breite Akzeptanz dieser Tools angeht. Aber den aktuellen Trend fasst Lee Bryant zusammen mit dem Satz:

„We are moving from a world of content objects and process to a world of feeds and flow.“

Diese letzte Keynote, Lee Bryants Vortrag, war für mich eindeutig der inspirierendste des Tages.

Post Wide Web: Das Intranet der Schweizerischen Post

Gundekar Giebel ist Leiter E-Medien der Schweizerischen Post und berichtete über das Intranet mit dem schönen Namen „Post Wide Web“. Das Intranet ist für 25.000 (von insgesamt ca. 55.000) Mitarbeiter via PC zugänglich. Die 700.000 Seiten sehen ca. 15 Mio. Seitenaufrufe pro Monat. Beim eingesetzten CMS handelt es sich um eine Eigenentwicklung.

Seit 2007 sind Blogs und Wikis im Intranet im Einsatz. Es sind derzeit 10 Blogs und 6 Wikis vorhanden, wobei man derzeit bewußt nicht auf Masse setze. Ganz erfolgreich wird in der Schweizer Post die Kommentarfunktion genutzt, um aktuelle Probleme zu diskutieren. Hilfreich ist dabei natürlich die recht offene Kommunikationskultur bei der Schweizerischen Post.

RSS-Feeds für News, Blogs, Wikis und Bulletins. Für die Briefträger unterwegs auf der Straße gibt es sogar eine 0800-Nummer, unter der eine Computerstimme die neuesten Firmen und Bereichsnachrichten vorliest.

Webcasts werden von den Mediamatiker-Lehrlingen erstellt und im Intranet veröffentlicht.

Es wurde großer Wert auf eine personalisierte Oberfläche gelegt. So können auf der Startseite des Intranets eigene Links eingestellt und News abonniert werden. Persönliche Angaben für die Personalabteilung können via Intranet gepflegt werden. Ebenso wurde SAP Funktionalität via Netweaver in das Intranet integriert.

Fazit: Ein schönes Beispiel, wie Web 2.0 im Intranet eines sehr konventionellen Unternehmens die Kommunikation verbessern hilft. Aber auch dafür, dass dies ein langer Weg ist.

Social Computing bei MLP Finanzdienstleistungen

Axel Dornis von MLP spricht nun über das Wissensmanagement(-system) bei MLP. Dabei geht es um die Informationsversorgung für Tausende MLP Berater in Deutschland. Das bisherige System „Infoforum“ auf Basis von Lotus Notes hat sich überlebt. Das neue System „Expertbase“ auf Basis von Coremedia, befindet sich im Aufbau und soll schrittweise das bisherige System ablösen. Das neue System bildet an oberster Stelle die Suche ab und soll mit max. 3-4 Clicks den Weg von der Frage zu Antwort zeigen.

MLP organisiert sein Wissensmanagement auf Basis der Content Management Technologie von Coremedia und zwar sehr stark zentralisiert und legt sehr großen Wert auf die Qualitätssicherung und Redaktionierung der Inhalte. Vor dem Hintergrund der von MLP vertriebenen Finanzprodukte und der in diesem Bereich teils auch gesetzlich vorgeschrieben Governance ist dies sehr gut nachvollziehbar.

Was nicht so gut ist, dass mit dem derzeitigen System keine Bookmarks ausgetauscht werden können. Für 2009 wird geplant Kommentare, Nutzerbewertungen und die Vernetzung zwischen den Personen via Instant Messaging, Web Conferencing und Yellow Pages geplant, sprich der Einstieg in die 2.0-Welt steht im Grunde noch bevor.

Einsatz eines Unternehmens-Wikis für das Wissensmanagement am Beispiel von IT-Delivery-Prozessen der REVACOM GmbH

Im folgenden Vortrag hatte ich die Gelegenheit über den Einsatz von Atlassian Confluence als Unternehmens-Wiki für das Wissensmanagement bei unserem Kunden Revacom GmbH zu berichten. Leider konnte dieser Vortrag nicht wie geplant gemeinsam mit Mathias Baumann von Revacom stattfinden, dem ich an dieser Stelle ganz herzlich für die gemeinsame Vorbereitung danken möchte.

Anstelle einer Mitschrift stellen wir hier die Präsentation bereit:


Im Rahmen des nachfolgenden Panels wurde sehr intensiv über Wissensmanagement mit CMS und Wiki-Technologien gesprochen. Dabei wurde deutlich, dass weder der eine noch der andere Ansatz 1:1 auf andere Firmen übertragen werden kann. Vielmehr geht es darum, den jeweils optimalen Weg für das jeweilige Unternehmen zu finden. Als wichtigstes Erfolgskriterium wurde einhellig die Bedeutung des Menschen hervorgehoben, sei es beim Einbezug der Endanwender, bei der Auswahl von Wiki-Gärtnern, Pilotnutzern und Dienstleistern oder auch bei der Ausrichtung der Inhalte im Wissensmanagement ganz nach dem Leitsatz von Lee Bryants Keynote „Content is made of people“.

Weitere Informationen finden sich z.B. im Eventblog der Veranstaltung. Besonders hinweisen möchte ich auf die Live-Berichterstattung von Martin Koser (frogpond_conf) im Twitter.

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Vielen Dank für diesen Ausführlichen Bericht. “We are moving from a world of content objects and process to a world of feeds and flow” von Lee Bryants ist ein wunderbares Zitat, an dem viel Wahres dran ist. Interessanterweise ist mit dem Wiki eines der Schwergewichte des Web 2.0 nicht flow- sondern content-orientiert. Es braucht also Möglichkeiten, es in den Flow zu integrieren – Activity Streams/Microblogs könnten hierfür geeignet sein.

Microblogging ist bekanntlich ein Thema mit dem wir uns gerade intensiv beschäftigen. Beim Einsatz im eigenen Hause fällt auf, dass gerade Wikis, aber auch der Dokumentenraum in engem Zusammenhang genutzt werden. Hier wird wohl bald auch technisch verbunden werden, was inhaltlich zusammengehört. Dabei gibt es eigentlich kein „führendes“ System. Vielleicht führt ein Mashup oder Portal zum Ziel.

Lee Byrant’s Vortrag war sicherlich inspirierend, aber leider auch sehr schwarz-weiss malend. Enterprise 2.0- oder Web 2.0-Tools werden sicher nicht Enterprise Content Management-Systeme, die strukturierte Ablage, Archivierung und Lebenszyklusverwaltung von Content und Dokumenten überflüssig machen. Und Aussagen wie
* lass die User doch mal alle Dokumente „taggen“. Du brauchst keine strukturierte Verschlagwortung,
* investier alles in Web 2.0 Tools und gib nichts für ECM aus
sind einfach platt und gehen an der Realität vorbei.

[…] Keynotes von Ulrich Kampffmeyer und Lee Bryant. Dirk Röhrborn von Communardo hat diese bereits sehr ausführlich dokumentiert – vielen Dank dafür, ich weiß wieviel Mühe das Livebloggen macht, selbst habe ich […]

Stefan, danke für den kritischen Hinweis. Ich denke, dass es immer auf eine ausgewogene Lösung ankommt, die die Anforderungen des Anwenders richtig erfüllt. Für mich waren die Ideen von Lee inspirierend, weniger die Marketingbotschaft.

Dirk, der Vortrag war inspirierend. Jedoch hat Lee einen grossen Fehler gemacht: Er hat nur schwarz-weiss gemalt. Denke, man kann die Dinge zuspitzen, sollte sie dann aber differenziert sehen.

Zugegeben, im Rahmen einer Keynote wäre eine differenziertere Darstellung passender gewesen. Die Inspiration bleibt. Ebenso die Botschaft „Content is made of people“.

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