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Die Ungleichverteilung der Akteure – Die 90-9-1 Nielsen-Regel.

90-9-1 Es ist ein alter Traum der Wissensmanager: „Stellt Euch vor es ist Wissensmanagement und alle machen mit…“. In der Tat wissen wir aus der Erfahrung mit allen Aktivitäten, die ein gewisses Engagement erfordern, dass die aktive Beteiligung in aller Regel sehr ungleich verteilt ist.

Jacob Nielsen hat in seinem Beitrag „Participation Inequality: Encouraging More Users to Contribute“ eine 90-9-1 Regel aufgestellt:

„In most online communities, 90% of users are lurkers who never contribute, 9% of users contribute a little, and 1% of users account for almost all the action.“

 

Kurz übersetzt besagt diese Regel also, dass die Masse der Beiträge von einer verschwindend kleinen Menge an Nutzern stamm und nur einen geringer Teil weitere kleine Beiträge leistet. Die überwältigende Masse der Nutzer lediglich Nutznießer dessen sind, was andere produzieren.

Diese Beobachtung wird zurückgeführt auf die Forschung von Will Hill und Steve Whittaker in den 90ern, die insbesondere das Usenet untersucht haben. Für die Blogoshpäre soll das Verhältnis sogar 95-5-0.1 betragen. Vergleichbares gilt für die Wikipedia.

Im Grunde genommen ist diese Ungleichverteilung der Beteiligung im Netz wohl eine Art menschliche Grundeingenschaft. Statt anzustreben, diese Ungleichverteilung zu überwinden, gilt es eher, sie zu verstehen und die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen. Nielsens Empfehlungen sind direkt auf das Wissensmanagement 2.0 anwendbar:

  • Make it easier to contribute“ – Jede Art von Nutzerbeitrag muss so einfach wie möglich gemacht werden.
  • Make particiation a side effect“ – Beiträge, die aus der normalen Routinetätigkeit entstehen sollten direkt einfließen können.
  • Edit, don’t create“ – Vorlagen und Templates sollen es dem Nutzer erleichtern, Beiträge abzugeben.
  • Reward, but don’t over-reward, participants“ – Vergütung von Beiträgen sollte angemessen sein und motivieren, nicht verzerren.
  • Promote quality contributors“ – Es sollte Wert auf qualitativ hochwertige Beiträge gelegt werden

Insbesondere die zweite Empfehlung verdient besondere Beachtung für das Wissensmanagement in Unternehmen. Dort sollte es durch eine nahtlose Integration der eingesetzten Systeme ermöglicht werden, einmal z.B. im Projekt oder für individuelle Zwecke erstellte Beiträge ohne Mehraufwand in die organisationale Wissensbasis aufzunehmen. Die Hürde „Zeitbedarf“, eigene Beiträge für die Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen, kann auf diese Weise leichter überwunden werden.

Ziel sollte es also sein, die Potentiale der 1% und 9%-Gruppen optimal auszunutzen und vielleicht auch, den Anteil dieser Gruppen im Vergleich zur Masse der Nutznießer zu steigern.

Die Nielson-Regel als Gegenargument zu verwenden nach dem Motto „User Generated Content funktioniert doch nicht“ stellt eine falsche Interpretation dar.

Es läßt sich sicher darüber streiten, inwieweit heute die Mengenverhältnisse noch stimmen. Neue empirische Studien, ggf. darüber wie der Einsatz von Web 2.0 Technologien in Unternehmen das Phänomen der Ungleichverteilung der Beteiligung verändert, wären von großem Interesse.

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Schaut man sich beispielsweise "Ideastorm" von Dell an, dann sieht man, dass die 90-9-1-Regel der Verteilung der Aktivitäten zwischen Ideengebern, Kommentatoren und Bewertern heute scheinbar immer noch ziemlich genau stimmt. Trotzdem denke ich, dass man diese Nielsen-Regel heute im Web 2.0-Zeitalter neu definieren muss.

Das Interessante am Web 2.0 ist, dass die 90-9-1-Regel in einem quantitativen und qualitativen Sinn gebrochen werden kann. In der quantitativen Perspektive ist es wichtig zu verstehen, dass die Nutzerbasis im "Read-Write-Web" zwischenzeitlich um ein Vielfaches grösser ist als im "Read-Only Web" und schon alleine dadurch Netzwerk-Effekte entstehen, die unter dem Schlagwort "Collective Intelligence" und "Collaborative Intelligence" diskutiert werden.

Für die "1% Nutzer" gibt es aus qualitativer Perspektive nicht nur viel mehr, sondern auch medial breitere Möglichkeiten, Inhalte zu produzieren und bereitzustellen: Texte, Videos, Audios, Fotos, aber z.B. auch Designs und Farbmuster oder Software in fachlichen Communities. Auch die Übernahme der Verantwortung von Inhalten als Moderator in Communities oder die Erzeugung höherwertiger Inhalte durch "Content-Aggregation" gehören in diese Kategorie. Die "9% Nutzer" können im Web 2.0 beispielsweise Inhalte der "1% Nutzer" kommentieren, deren Inhalte in "Social News"-Plattformen einstellen, annotieren, taggen und bewerten oder ihre Lesezeichen als RSS-Feed bereitstellen. Und die "90% Nutzer" ermöglichen durch das Lesen von Inhalten der anderen beiden Gruppen die Erstellung von "Top 10-Listen" der am meisten gelesenen Beiträge ("Collaborative Filtering"), stellen ihre persönlichen Lesezeichen über "Social Bookmarking"-Plattformen bereit oder ermöglichen automatische generierte Empfehlungen ("Kunden, die diesen Artikel gekauft haben, kauften auch …").

Es geht im Web 2.0 also nicht mehr so sehr um "Aktiv" vs. "Passiv", um "Schöpfer" vs. "Nutznieser". Daher sollte man in einem ersten Schritt überlegen, die Nielsen-Gruppen "Contributors", "From Time to Time Contributors" und "Lurkers" in einem positiveren Verständnis etwa als "Creators", "Synthesizers" und "Consumers" zu bezeichnen. Ein anderer Vorschlag ist beispielsweise in "Creators", "Customizers" und "Personalizers" zu unterscheiden.

Als einen Hauptkritikpunkt der Diskussion einer einfachen Anwendung der 90-9-1-Regel im Hinblick auf das Web 2.0 sehe ich, dass in den Köpfen immer noch das Paradigma der Massenkommunikation dominiert und die Idee des "Long Tails" zu wenig berücksichtigt wird. Ein Kommentator hat dies treffend so ausgedrückt:

"User-generated content is not just about 1% users creating high quality content to be viewed by 100%. But about a lot of 0,001% viewing content of a lot of 0.001%."

Einen weiteren Hinweis darauf, dass die 90-9-1-Regel im Web 2.0-Zeitalter so nicht mehr greift, findet man bei Aaron Swartz. Er hat in "Who Writes Wikipedia" darauf hingewiesen, dass "in fact the most active 2%, which is 1400 people, have done 73.4% of all the edits". Das würde die klassische 90-9-1-Regel noch unterstützen. Neue Inhalte werden aber gerade durch Personen eingebracht, die nicht zu der Gruppe der "Most-Active"-Insider gehören:

" .. an outsider makes one edit to add a chunk of information, then insiders make several edits tweaking and reformatting it. In addition, insiders rack up thousands of edits doing things like changing the name of a category across the entire site — the kind of thing only insiders deeply care about. As a result, insiders account for the vast majority of the edits. But it’s the outsiders who provide nearly all of the content."

Eine Web 2.0-Anwendung ist also nicht erfolglos, wenn nur ein kleiner Teil der Nutzer Inhalte erzeugt. Jeder hat seine Rolle, die sich im Zeitablauf durchaus ändern können. Vielmehr sollten wir einen Blick auf die Intention der Nielsen-Regel werfen, nämlich Konzepte zu entwickeln, wie zukünftige Anwendungen im Hinblick auf breitere Partizipationsmöglichkeiten gestaltet werden können. Und uns im Hinblick auf Web 2.0-Anwendungen Gedanken machen, wie wir auch "Synthesizer" und "Personalizer" mit guten Funktionalitäten unterstützen können. Und in den Unternehmen gilt es, nicht nur technologische Ideen zu finden und umzusetzen, wie die Mitarbeiter motiviert werden können, ihren Beitrag zum Unternehmenserfolg zu machen.

[…] Auch im Zeitalter der Nutzer-generierten Inhalte spielen die Konsumenten eine gewichtige Rolle, aber anders. Der Kommentar meines Kollegen Joachim Niemeier zum Beitrag über die Nielsen Regel im Blog von Communardo Human Network Competence veranlasst mich, das Thema auch hier nochmals aufzugreifen. Ich denke, es ist für Unternehmen sehr wichtig, zu verstehen, wie Inhalte im Netz funktionieren und welche Mechanismen dahinter stecken, […]

[…] Zahlen zeigen auch, dass die bekannte 90-9-1 Regel von Nielsen (siehe auch den Beitrag “Die Ungleichverteilung der Akteure“) im Unternehmenskontext anders beurteilt werden muss. In unserem Microblog stammen 80% der […]

[…] jedoch. Bei Medtronic wird es auch als Wert angesehen, wenn Nutzer (”Lurker” i.S. des Nielsen Phänomens) nicht schreiben sondern den Microblog nur beobachten, um sich wichtige Informationen dort […]

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