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Web 2.0: Alter Wein in neuen Schläuchen?

Web 2.0? Enterprise 2.0? Gar von Blase 2.0 ist die Rede! Die Verwendung der Sprache zum Zwecke der Verbreitung von Botschaften und zur Meinungsbildung soll hier nicht Gegenstand sein. Vielmehr geht es uns jenseits der Begriffe darum, zu beleuchten, was eigentlich den Unterschied ausmacht zwischen 1.0 und 2.0. In den vielen Gesprächen die unter Softwareentwicklern und IT-Praktikern zum Thema Web 2.0 geführt werden erzielt die Meinung „Was ist denn hier 2.0? Das gibt es doch schon lange!“ große Zustimmung.

Und daran gibt es wenig Zweifel, denn für viele der Web 2.0 Ansätze gibt es bekannte Beispiele bzw. technologische Vorfahren, die belegen, dass die Idee nicht wirklich neu ist. „User generated content“? Das gab es z.B. mit Lotus Notes schon vor 16 Jahren! Und zwar zuallererst im Unternehmenseinsatz! Wikis? Wie groß ist der Unterschied zum guten alten Gopher? Social Networks? Die „gelben Seiten“ im Unternehmen haben das wichtigste vorgelebt. etc. pp.

Was ist es dann, was den Unterschied macht? Ich bin überzeugt, dass der Unterschied nicht in der Erfindung neuer Lösungsansätze liegt, sondern in folgenden veränderten Rahmenbedingungen:

# 1 – Wir sind online !

Es klingt nach Plattheit, ist aber eine nackte Tatsache. Auch wenn es nach wie vor regionale Unterschiede gibt gilt es festzuhalten, dass zumindest im professionellen Umfeld heute fast an jedem Ort ein Internet- oder Intranet-Zugang mit ausreichender Bandbreite verfürbar ist. Standleitung im Büro. DSL-Zuhause. WLAN im Cafe, Hotel, Bahnhof, Flughafen und bald auch Flieger und Zug. UMTS oder EDGE wo es nicht anders geht. Internet auf dem Mobiltelefon ist Realität. Und dies alles zu kalkulierbaren Preisen. Die Zeiten (siehe Lotus Notes vor 16 Jahren) an denen eine nächtliche, instabile 9.600 Baud Modemverbindung zur Datenreplikation in einer Nacht den Gegenwert einer heutigen Monats-Flatrate gleich mehrfach verschlungen hat sind Geschichte.

# 2 – Einfachheit des Produktdesigns

Die alte Weisheit „Keep it simple and stupid“ ist viel zu lange eher zur Belustigung mißbraucht als ernst genommen worden. Viele der Web 1.0 Lösungen, gerade im Zusammenhang mit dem betrieblichen Wissensmanagement, sind durch eine Überfrachtung mit unnötigen Funktionalitäten gekennzeichnet. Eine Software oder auch nur Softwareversion wurde erst dann für fertig und vollständig erklärt, wenn keine Funktionalität mehr hinzugefügt werden konnte. Es hat (auch uns!) eine lange Zeit gekostet, zu erfahren, dass wirklich gute Software dann fertig ist, wenn keine Funktionalität mehr weggelassen (oder entfernt!) werden kann, ohne dass lebenswichtige Eisatzfälle massiv beeinträchtig würden. Dieses Paradigma der Einfachheit in der Gestaltung von Lösungen wird von erfolgreichen Web 2.0 Anwendungen konsequent umgesetzt und trägt entscheidend dazu bei, dass diese vom Anwender angenommen werden.

# 3 – Sinkende Kosten

Weder am Telefonhäuschen noch am Internet-PC steht heute noch „Fasse Dich kurz!“. Aber auch jenseits der Kommunikationskosten, die bald nur noch Anschlussgebühren sein werden, sind die Kosten für professionelle Informations- und Wissensmanagementlösungen drastisch gesunken. Während in den späten 1990er und frühen 2000er Jahren noch Lizenzkosten in hoher 5 bis 6-stelliger Euro-Summe für hochkomplexe Content und Document Management Lösungen zu begleichen stehen heute durch das enorm leistungsfähige Angebot an OpenSource-Produkten gleichwertige Alternativen zur Verfügung, die zumeist noch deutlich besser von den Anwendern akzeptiert werden.

# 4 – Langjährige Erfahrungen der Anwender

Wir sind alle reifer geworden. Bei dem einen oder anderen Internet-Nutzer oder Mitarbeiter mit PC am Arbeitsplatz sollen sogar einige graue Haare auf die leidigen Sorgen mit den Problemen am Computer gesichtet worden sein. Was auch immer die wirkliche Ursache sein mag, eines steht fest: Der Umgang mit PC und Internet ist den heutigen Wissensarbeitern in Fleisch und Blut übergegangen. Die PC-Verweigerer wählen vermehrt die Frühpensionierung. Immer mehr Rentner tummeln sich im Netz. Die Fach- und Führungskräfte im reifen Alter nutzen die neuen Medien souverän. Diejenigen, die den Internet-Boom live an der Uni erlebt haben kommen langsam im Entscheiderpositionen und der Nachwuchs trägt massiv den Lebens- und Kommunikationsstil des Web 2.0 ins Unternehmen. Die neue Software Generation im Web 2.0 basiert nicht zuletzt auf 10 – 15 Jahren Erfahrung von Anwendern und Softwareentwicklern. Dies hat eine sich doppelt verstärkende Wirkung, denn die Web 2.0 Angebote werden nicht nur benutzbarer, sondern sie werden auch benutzt!

# 5 – Offene Protokolle und Standards werden angewendet

Zuguterletzt ist es doch noch ein technologischer Aspekt hervorzuheben: die konsequente Anwendung etablierter Protokolle und Standards. Hervorzuheben sind HTML, XML, HTTP und RSS. Abgesehen von RSS sind alle diese Standards bereits seit recht langer Zeit bekannt und im Einsatz. Über viele Jahre hinweg haben jedoch Softwarehersteller durch die Abschottung ihrer proprietären Lösungen versucht, Kunden (fest-)zu binden. Die konsequente Zuwendung zum Einsatz offener Standards insb. durch die Open Source Community hat dazu geführt, dass heute durch die leichtere Vernetzung (engl: mash-up) von kleinen einfachen (siehe #2) Lösungen passgenaue Gesamtlösungen mit vertretbarem Gesamtaufwand geschaffen werden können. Fazit: Nocheinmal, es geht hier nicht darum, akademisch genau zu unterscheiden, ob es sich bei den Web 2.0 Lösungen um wirklich neue Ansätze handelt. Die konsequente Anwendung und Durchsetzung dieser Ansätze im Sinne eines erfolgreichen betrieblichen Wissensmanagements stehen für uns im Mittelpunkt des Interesse.

In diesem Sinne: Vielleicht ist es alter Wein in neuen Schläuchen. Aber es ist ein guter!

2. Februar 2008
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